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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Jena: Hochbunker



Martin K.
22.07.2010, 09:26
Hochbunker in Jena:


Magdelstieg 22 (5 Etagen: 3über und 2 unter der Erde)
Karl-Günther-Straße (wohl baugleich mit 1)
Bachstraße
Gartenstraße


Die Angaben habe ich aus dem Buch "Thüringen 1933-1945" welches gestern frisch aus der Druckerei eingetroffen ist.

Informationen zum Buch: https://www.amazon.de/dp/3861535769?tag=hiddenplace06-21&camp=2906&creative=19474&linkCode=as4&creativeASIN=3861535769&adid=0XTZQYWDJBCYRDQDZ4P1&

Beste Grüße
Martin

klausm
25.10.2011, 12:15
Hatte mir schon lange vorgenommen was zum Thema zu schreiben und zu zeigen, jetzt aber los...

Meine Literaturquelle war: Julia Raasch-Bertram, Hochbunker des Zweiten Weltkrieges in Jena, in: Aus der Arbeit des Thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege - Bauaufgaben des 20. Jahrhunderts - Neue Folge 21, S. 102-108, 2005

Hier nun die Fakten:
Jena war die einzige Stadt Thüringens die als Luftschutzordnung I. Ordnung ausgewiesen war. Ursprünglich gab es 9 Hochbunker von denen 4 entfestigt erhalten geblieben sind. Die übrigen wurde 1946 gesprengt. Die Bunker wurden 1941-1944 unter Einsatz von Zwangsarbeitern gebaut.

1. Bombensicheres Entbindungshaus der Frauenklink der FSU Jena, Gartenstraße, erhalten (Kliniknutzung), Architekt: Regierungsbaurat Krämer
2. OP-Bunker der Chirurgie der FSU Jena , Bachstraße 18, erhalten (Kliniknutzung), Architekt: Regierungsbaurat Krämer
3. Hochbunker in der Altstadt , Hinter der Kirche, gesprengt, Architekt: Mahlendorf
4. Hochbunker mit größter Aufnahmekapazität und Rettungsstelle gegenüber Paradiesbahnhof, Knebelstraße, gesprengt, Architekt: Schreiber und Schlag/ H. Weber
5. Hochbunker am Saalbahnhof, gesprengt, Architekt: Schirrmeister/ Weidemann
6. Hochbunker hinterm Westbahnhof und nahe der Schottwerke, Magdelstieg 24, erhalten (leerstehend, davor Lager), Architekt: Peters und Zimmermann
7. Hochbunker im Wohngebiet, Karl-Günter-Straße 11-13 (früher Kriegerheimstr.), erhalten (leerstehend, davor Magazin), Architekt: Hermann Weidemann
8. Hochbunker im Wohngebiet, Adlerstieg, gesprengt, Architekt: Weidemann
9. so genannter Polizeibunker (Befehlsstelle), Felsenkellerstraße, gesprengt
(10.) Hochbunker Auf dem Eichplatz, geplant, aber nicht ausgeführt, Architekt: Alfred Bunnenberg (widersprüchliche Angabe im Buch: einziger Bunker der schon 1939 gebaut wurde)

Die Aufnahmekapazität aller Bunker betrug 1944 bei Normalbelegung 4.800 Personen, bei Überbelegung 10.000 Personen (Einwohnerzahl Jena 1939: 71.000).

Zur Bauausführung:
- Volltreffer- und Gasschutz, Eisenbeton, Wandstärken 1,10m, Deckenstärken 1,40m
- geschlossenes Belüftungs- und Filtersystem
- Heizungssystem
- Frisch- und Abwassersystem
- Notstromaggregat
- jeweils 2 Eingänge mit integrierter Gas- und Splitterschleuse
- architektonische städtbauliche Einbindung (Anpassung in Traufhöhe, Kubatur, Dach- und Fassadengestaltung, regionaler, wehrhaft wirkender Baustil)

Bilder und Details zu den erhaltenen Hochbunkern folgen.

Gruß Klaus

klausm
25.10.2011, 21:42
Nun zu den heute noch existierenden Hochbunkern, als erstes die im Uni Klinikum. Im August 2010 hatte ich die Gelegenheit mir diese zumindest teilweise anzusehen. Mein Dank für die Einblicke gilt hier Herrn Wittek, dem Geschäftsbereichsleiter Betreibung und Beschaffung. Durch die vollständige Nachnutzung und Integration in den Klinikbetrieb, kann man natürlich nicht nach Lust und Laune durch die Gebäude spazieren und auf Spurensuche gehen. Trotz der Entfestigung habe ich aber doch das ein oder andere Detail einfangen können.

Als erstes der OP-Bunker der Chirurgie, diesen habe ich nur von außen sehen können.
Im Bunker gab es einen Mittelgang über den die Patienten- und Behandlungszimmer erreichte werden konnten. Die OP-Säle befanden sich an der Stirnseite.

klausm
25.10.2011, 21:50
Der OP-Bunker der Chirurgie ist durch einen unterirdischen Gang mit einem weiteren Klinikgebäude verbunden, in dem sich auch Details des Luftschutzes finden lassen.

Eine Besonderheit sind die als "Schiebetüren konstruierten Stahldrucktüren" Bild 1 und 2 (Quelle, siehe oben).
Bild 7 zeigt den Zugang zum Bunker.
Auf dem letzten Bild sieht man die LSR-Kennzeichnung auf dem ehemaligen Gebäude der Zahnklinik (erbaut 1935/36).

klausm
25.10.2011, 22:01
Luftschutzhaus für die Frauenklinik. Dieses Gebäude war über einen bombensicheren Zwischentrakt mit den übrigens Klinikgebäuden verbunden (Bild 1). Die Dächer der Klinikbunker waren erst als Walmdächer konzipiert, wurden aber auf Grund der Bestimmungen vom Juli 1941 als Flachdächer ausgeführt. Auf dem Dach des Hochbunkers der Frauenklinik erkennt man noch heute den - eingehausten - Notausstieg (Bild 5).

klausm
25.10.2011, 22:11
Details aus dem inneren des Bunkers.

Bild 1 bis 4: Lüftungsklappen
Bild 5 bis 9: Treppenhaus (Treppengeländer aus Gussbetonelementen mit Handläufen aus Metall), auf Bild 5 sieht man den Tiefbrunnen
Bild 9: Lasthaken im Treppenhaus
Bild 10: Detail der LÜftung
Bild 11: Druckklappe
Bild 12: Druckventil
Bild 13: Aufzug (bei Fertigstellung vorhanden)
Bild 14: Schiebetür

Sven K.
26.10.2011, 00:44
... Auf dem Dach des Hochbunkers der Frauenklinik erkennt man noch heute den - eingehausten - Notausstieg (Bild 5).

Super Bilder! Das auf Bild 5 ist bestimmt kein Notausstieg, was soll er dort auf dem Dach. Das sieht nach einen Brandwachenstand aus. Sowas gibt es in Berlin auch auf normalen Bürogebäuden.

Gruß Sven!

klausm
26.10.2011, 01:07
Super Bilder! Das auf Bild 5 ist bestimmt kein Notausstieg, was soll er dort auf dem Dach.

Hat mich auch etwas gewundert, steht so im Buch. Bei der ursprünglich geplanten Dachkonstruktion war es nicht vorgesehen. Bei den Hochbunkern in Bochum gibt es auch häufig ähnliche Aufbauten. Brandwachenstand klingt plausibel. Beim ehemaligen Bahnpostamt in Chemnitz, hat man einen Brandwachenstand auch ins normale Dach integriert. Eine andere Möglichkeit ist, dass es sich um einen Lüftungsturm handelt.

Gruß Klaus

klausm
26.10.2011, 07:24
Hier nun Bilder (leider nur Außenaufnahmen) des ebenfalls erhaltenen Hochbunkers in der Karl-Günther-Straße 11-13.
Gut zu sehen die architektonische Einpassung in die bereist vorhandenen Gebäudestrukturen.
Zur Erhöhung der Aufnahmekapazität sollen in seinen Fluren Klappsitze projektiert gewesen sein, die aber nicht zur Ausführung kamen. Weiterhin soll es im Bunker einen Männer- und einen Frauentrakt gegeben haben. Von einem mittigen Quergang gingen Räume ab, auf jeder Seite gab es Aborte (1 Raum) und Funktionsräume. Die Etagen sollen in diesem Bunker durch ein leicht aus der Mitte gerücktes Treppenhaus erreichbar gewesen sein. Im Gebäude befand (befindet?) sich das Magazin der Bibliothek der FSU Jena.

Gruß Klaus

klausm
26.10.2011, 07:39
Der letzte erhaltene Hochbunker Jenas befindet sich im Magdelstieg 24. Er besitzt eine Durchfahrt und noch originale Türen. Hier haben die nach Geschlechtern geteilten Bereiche an den Außenseiten eigene Treppenhäuser. Zusätzlich gab es weitere Treppenhäuser im Bereich der Hofeinfahrt.

Gruß Klaus

frankk
26.10.2011, 19:46
Hallo Klaus,
die Schiebetüren sehen mir wie ganz normale Schiebetüren aus weil- ich erkenne keinerlei "Andruckmechanismus". Vom Westwall kenne ich sie so, dass sie mit den bekannten Hebeln gasdicht angedrückt werden konnten. Aber vielleicht war ja auch gar kein Gasschutz notwendig.
Aber sehr schöne Aufnahmen, danke für die Vorstellung der Bauwerke.

indeed
30.08.2013, 00:47
Der Hochbunker am Magdelstieg ist dieses Jahr übrigens zum Tag des offenen Denkmals geöffnet und es werden zwei Führungen angeboten, allerdings nur mit Voranmeldung. Wer dabei sein möchte muss sich noch schnell anmelden.

http://tag-des-offenen-denkmals.de/laender/th/kreisfrei/4/


Sorry, dass ich den alten Thread ausgrabe, aber ich will nicht extra einen neuen eröffnen. Und ich hab vielleicht einen Neulings-Bonus :D

klausm
30.08.2013, 07:30
Mist, bin an dem Tag leider schon komplett verplant und habe das vorher auch nicht mitbekommen.
Leider kann man sich nicht zerteilen, hätte ich mir gerne angesehen.
Hoffe, dass auch später noch einmal Führungen angeboten werden (passt aber eben nicht immer zum Thema des Tages der offenen Tür).

Gruß Klaus

indeed
30.08.2013, 11:01
Und ich hab leider auch sehr spät mitbekommen, dass man sich für die Führungen anmelden muss und die sind jetzt alle schon voll. Schade, aber nicht zu ändern.

Die Führungen werden übrigens durch die Firma http://www.mgm-management.de/ angeboten und schon im Denkmaltagprogramm steht ja, dass eine Umnutzung zu Studentenwohnungen geplant ist. Wer weiß, ob das nicht die letzte Chance für einen Blick in den Bunker gewesen wäre.

interessierter7
03.09.2013, 06:24
Ach jeeh! Das ist ja wirklich ärgerlich... Aber! Man könnte einfach mal mit dort sein, wenns zeitlich passt.., vielleicht ist der eine oder die andere abgesprungen und man kann mit reinschlüpfen.
Was man nicht alles verpasst... ist manchmal zum Haareraufen..

Grüße
I7

alcapone
19.01.2015, 00:50
Hallo, ich bin neu in diesem Forum und habe mit Interesse die Ausführungen über die Jenaer Bunker verfolgt. Meiner Oma wurde mit dem Saalbahnhofbunker das Leben gerettet. Leider habe ich trotz intensiver Suche bisher keine Bilder von diesem Hochbunker gefunden Kann mir vorstellen, dass es in der Nazizeit und auch nach dem Krieg unter den Russen lebensgefährlich war, dieses Bauwerk abzulichten... Aber vielleicht hat jemand doch irgendwo ein Foto davon... ?! Gruß Peter

klausm
02.04.2015, 20:10
Neues zum Bunker Magdelstieg:


Studentisches Wohnen in Jenaer Weltkriegs-Bunker
Mit dem Hochbunker Magdelstieg 24 - 28 wird ein markantes Gebäude der Nazi-Zeit einer neuen Nutzung zugeführt.
...
Bis Mitte 2016 sollen auf 1118 Quadratmetern Wohnfläche 18 Wohneinheiten vom Einzelapartment bis zur 5er-Wohngemeinschaft mit Räumen von 14 bis 22,5 Quadratmetern entstehen. Die Firma ist überzeugt, dass der Standort zwischen Zentrum und Fachhochschule für Studenten interessant sein wird.


Quelle und mehr: http://www.tlz.de/startseite/detail/-/specific/Studentisches-Wohnen-in-Jenaer-Weltkriegs-Bunker-37991968

Gruß Klaus

indeed
03.04.2015, 22:39
Hallo, ich bin neu in diesem Forum und habe mit Interesse die Ausführungen über die Jenaer Bunker verfolgt. Meiner Oma wurde mit dem Saalbahnhofbunker das Leben gerettet. Leider habe ich trotz intensiver Suche bisher keine Bilder von diesem Hochbunker gefunden Kann mir vorstellen, dass es in der Nazizeit und auch nach dem Krieg unter den Russen lebensgefährlich war, dieses Bauwerk abzulichten... Aber vielleicht hat jemand doch irgendwo ein Foto davon... ?! Gruß Peter
Oh, ich hatte deine Nachricht im Januar schon gesehen und wollte dir eigentlich noch antworten, dass ich den Bunker nicht kenne und auch kein Foto habe. Viel Erfolg bei deiner Suche!


Neues zum Bunker Magdelstieg:


Quelle und mehr: http://www.tlz.de/startseite/detail/-/specific/Studentisches-Wohnen-in-Jenaer-Weltkriegs-Bunker-37991968

Gruß Klaus
Hatte ich auch schon gelesen. Ggf. bemühe ich mich in den nächsten Wochen nochmal, innen ein paar Fotos machen zu dürfen bevor es alles schick wird.

klausm
04.04.2015, 09:41
Kann demnächst auch mal ein paar Fotos des jetzigen Zustands zeigen. In der rechten Seite des Bunker wurden zu DDR-Zeiten Silos eingebaut, die sich komplett durch alle Etagen ziehen. Auf der linken Seite gibt es Räume. Laut aussage der Immobilienfirma sind für den Umbau im Inneren keine starken Veränderungen geplant. Ggf. lässt man ja den rechten Teil auch außen vor. Bis auf ein paar LS-Türen, gibt es keinerlei Spuren der LS-Nutzung mehr.

Gruß Klaus

klausm
23.04.2015, 18:41
Wie versprochen hier die Fotos aus dem Inneren.

Gruß Klaus

klausm
23.04.2015, 18:42
Weitere Bilder

klausm
23.04.2015, 18:44
und die letzten

klausm
09.06.2016, 17:48
Wohnen hinter Stahlbetonwänden: Jenaer Bunker ist bezugsfertig

Der ehemalige Weltkriegs*bunker im Magdelstieg ist nach eineinhalbjähriger Sanierung früher als geplant bezugsfertig. Auf 1118 Quadratmetern Wohnfläche warten 49 Studentenzimmer auf Mieter.

Quelle und mehr: http://jena.otz.de/web/lokal/leben/detail/-/specific/Wohnen-hinter-Stahlbetonwaenden-Jenaer-Bunker-ist-bezugsfertig-430599043

Gruß Klaus